Gastbeitrag: Interventionistische Linke Berlin

Die Liebig34 verteidigen! Denn es geht nicht um die Liebig34

Deswegen nur drei Punkte, die uns wichtig sind:

(1) In einer neoliberalen Welt, in der über die Symbolik die Herrschaft an Materialität gewinnt, gewinnen die symbolischen Kämpfe an Materialität.*

(2) Ob und inwiefern wir mit dem anarcha-queer-feministischen Hausprojekt Liebig34 in politischen Fragen, in kulturellen Fragen oder in unseren Lebensentwürfen übereinstimmen, spielt keine Rolle. Relevant ist, dass die Liebig34 eine gelebte Alternative ist, unter anderem zum patriarchalen Kapitalismus. Eine Alternative öffnet den politischen Raum, sich zu positionieren, sie in Frage zu stellen, Dissens zu formulieren oder aktiv Konsens auszudrücken. Im besten Sinne stoßen Alternativen die Tore zu Diskussionen auf, in welcher Welt wir leben wollen.
Dort, wo nur Konsens herrscht, herrscht der Status quo. Dagegen steht die Liebig34 in jedem Fall für eine andere, für eine radikaldemokratische, feministische und antikapitalistische Gesellschaft. Der Angriff auf die Liebig34 ist insofern ein Angriff auf den Feminismus in dieser Stadt. Mit der Räumung eines solchen Projekts werden nicht nur linke Räume unwiederbringlich zerstört, sondern auch eine eigene gewachsene Organisierungspraxis sowie politische Zusammenhänge von Genoss*innen, die wir in gemeinsamer Bündnisarbeit schätzen gelernt haben. Menschen sind eben immer mehr als ihre körperlichen und politischen Teile.

(3) In vielen linken Diskussionen wird heute lamentiert, die (radikale) Linke müsse wieder authentischer werden. Was darunter verstanden wird, ist oft genauso vielfältig wie umstritten. Wir aber glauben, dass Authentizität auf jeden Fall bedeutet – genauso wie man mit der Nachbarschaft für gerechte Mieten kämpft – das eigene Zuhause zu verteidigen, wenn die vier Wände eingerissen werden sollen; und das mit allen Mitteln. Was gibt es glaubwürdigeres als das Zuhause, den Ort, wo man sich wohlfühlt, dort wo die (Wahl-)Familie ist, wo man ausgelassen sein kann und keiner Affektkontrolle unterworfen ist, mit Händen und Füßen zu verteidigen? Eine solche Einstellung ist authentisch, weil sie kämpft um der Idee willen und nicht, weil sie ökonomistisch abwägt, ob es etwas zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Wer Letzteres auf Dauer tut, geht in der Logik des Kapitals auf, nicht nur in Bezug auf die berufliche Laufbahn, sondern auch in seinen sozialen Beziehungen. Die geräumten und bedrohten Projekte sind deshalb auch unsere Projekte. Unvergessen bleiben die Abende und Nächte, die viele von uns dort verbracht und gemeinsam Ideen geschmiedet haben, nicht zuletzt auch, um den herrschenden Institutionen eins auszuwischen.

Der Kampf der Friedel54, des Syndikats, der Potse, der Meute, der Liebig34 mit Infoladen Daneben, der Rigaer94 mit Kaderschmiede etc. pp. steht wegen all dem für so viel mehr als die letzten verbliebenen Reste einer linksradikalen Blase. Sie stehen für die Perspektive, dass die radikale Linke keine Blase sein muss.

Anfang Oktober auf nach Berlin! Alle Termine: http://liebig34.blogsport.de

Interventionistische Linke Berlin, September 2020

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Gastbeitrag: Interkiezionale Aktionstrainings

Uns erreichte ein Beitrag der Gruppe, die sich um die Aktionstrainings im Juli und September gekümmert hat. Den veröffentlichen wir gern und hoffen auf mehr Austausch zu diesem Thema.

By the way: Im Vorfeld zur Liebig34-Räumung am 9. Oktober sind noch einige Veranstaltungen, die in die gleiche Kerbe schlagen und die wir allen dringend empfehlen. Es geht zwar um den Naziaufmarsch am 3. Oktober., aber die Aktionsformen überlappen sich: 27.09.2020, 14:30, Kubiz: Rote-Hilfe Workshop zu klassischen Repressionsgeschichten und am  28.09.2020, 18 Uhr, about:blank: Aktionstraining „Wie verhindern wir einen Naziaufmarsch?“

Auswertung Aktionstrainings im Rahmen der Interkiezionale Sommer 2020

Demos, Spontis, Blockaden und Schnitzeljagden – Massenaktionen in der Stadt können sehr vielfältig sein. Die Interkiezionale Vernetzung der bedrohten Projekte und Supporter*innen hat in den letzten Monaten einiges ausprobiert. Dennoch gibt es viele Punkte, an denen wir arbeiten sollten. Um aus den vergangenen Aktionen für die Zukunft theoretisch und auch praktisch zu lernen und auf der Straße unsere Ziele besser durchsetzen zu können, haben wir im Juli und September 2020 zwei Aktionstrainings explizit für die Interkiezionale durchgeführt.
Wir wollten uns dabei gemeinsam auf die anstehenden Räumungen und vor allem auf die Demos und Aktionen drumrum vorbereiten und den Raum öffnen, um über Erfahrungen zu sprechen. Ziel war es, solidarisch handlungsfähig zu sein, um unsere Meinung auf die Straße zu tragen, ohne dabei zum Spielball des polizeilichen Gegenübers zu werden, und dafür einen selbstbewussteren Umgang mit Aktion und Repression zu entwickeln.

Dabei ging es uns einerseits darum, dass wir unsere angemeldeten oder unangemeldeten Demos auch wirklich machen können. Zum anderen wollten wir ein selbstbestimmtes Demonstrieren für alle. Dafür ist es beispielsweise wichtig ein Verständnis dafür zu entwickeln, was um uns herum vorgeht und Aktionen immer als kollektive zu erfahren. Also auch wegzukommen vom „Survival of the fittest“ und mehr auf einander bezogenes Handeln auf der Straße zu üben.

Dafür müssen wir auch in Zukunft im Gespräch zu bleiben. Standards der Interkiezionalen wie öffentliche Planungen und Auswertungen der Aktionen sind ein guter Beitrag dazu. Mit den Aktionstrainings wollten wir die Vollversammlungen und anderen Diskussionsformate um den praktischen Teil erweitern.

Was uns als roter Faden bei den Interkiezionale-Aktionen aufgefallen und was auch Auslöser der Trainings war, ist, dass es in Berlin zu wenig Eigeninitiative auf Demos gibt. Personen kommen, um an der Demo teilzunehmen, aber ohne eigenen Plan, Bezugsgruppe und Absprachen. Das ist nicht nur frustrierend und lähmend. Es kann auch zu gefährlichen Situationen führen, wenn einzelne Handelnde sich nicht auf die geballte Solidarität der sie umgebenden Masse verlassen können oder wenn es zu Durchgriffen der Polizei kommt, auf die wir nicht vorbereitet sind oder die wir nicht verstehen. Daher wollten wir mit unseren Trainings auch immer wieder die Ziele der Polizei in den jeweiligen Situationen (z.B. Auflösen statt Festnahmen, Kessel und Crowdcontrol) erklären.

Wir meinen, dass zentral ist wieder eine Kultur der Bezugsgruppen und Kommunikation untereinander zu etablieren. Für die Praxis bei Aktionen, wie auch für die politische Arbeit sind die Kleingruppen essentiell. Nicht nur die Bildung von Bezugsgruppen für einen bestimmten Zweck sind entscheidend. Diese müssen auch viel stärker in die Planung und Auswertung, und nicht nur in der Durchführung von Aktionen, als gleichberechtigt integriert werden.

Zudem sollten wir alle stets eine gewisse politisch-praktische Meta-Ebene mitdenken und zum Beispiel im Kopf haben, dass Aktionsformen (Demo, Sponti, Fahrraddemo, Blockade usw.) strategisch gewählt sind: Geht es um den Effekt nach Außen (Öffentlichkeit, jeweiliger Adressat oder Interventionsort), Effekt nach innen (Empowerment, Selbstverständigung, Bündnispolitik) oder den Effekt auf die Polizei / Staat z.B. um Kontrollverlust darzustellen? Die Wahl der Mittel (Choreografie vs. Chaos, Ketten vs. Offenheit, Konfrontation vs. PlanB, Durchbruch vs. Ausweichen, Dezentralisierung vs. Großveranstaltung) sollte sich an dem gewünschten Effekt orientieren und nicht (nur) an den von uns favorisierten Mitteln.


1. Out of Control

Im Nachgang zur 2. November-Demo „One struggle one fight“, haben wir das Konzept „Out of Control“ in einer Veranstaltung wieder bekannter gemacht. Ausgangspunkt war, dass Demos kaum noch politische Inhalte transportieren können, weil sich nur noch mit polizeilicher Repression beschäftigt werden muss, worauf viele von denen die auf Demos gehen nicht vorbereitet sind. Der Umgang mit Repression kann geübt werden, aber auch der Umgang mit der Verunmöglichung von Politik durch Polizeibegleitung. „Out of control“ ist eine dezentrale Antwort, die auf mit einander koordinierte handlungsfähige Kleingruppen setzt. Bei unserem ersten Training am 20. Juli haben wir uns vor allem damit beschäftigt.

Out of Control umfasst eine Vielzahl von Aktionsmöglichkeiten und Handlungsformen, um selbstbestimmter und freier von polizeilicher Repression im öffentlichen Raum demonstrieren zu können. Im Jahr 2020 wurden wegen der Corona-Pandemie einige von diesen Lockerungsübungen ausprobiert. Rund um den 1. Mai und einen Tag vor dem Liebig34-Räumungsprozess Anfang Juni gab es beispielsweise mehr oder weniger erfolgreiche Corona-sensible und polizei-nervende Schnitzeljagden. Problempunkte waren hier: Selbstermächtigung der Kleingruppen, Kommunikation und Repression (Platzverweise).

Es ging beim Training um konkrete direkte Aktionen in und rund um Demonstrationen, um für einen Kontrollverlust seitens der Polizei zu sorgen. Bezugnehmend auf die Proteste in HongKong („Seid wie Wasser“) sollte ein Verständis für eine Dynamik erzeugt werden, die Aktionen insbesondere im Rücken der Polizei ermöglicht.

Dazu aus einem Aufruf zu einer Antirepressions-Demo in Hamburg 2007, ein Jahr vor Heiligendamm: „Out of Control ist Ausbruchsstimmung. Wir wollen (…) die Praxis der Spaliere, Auflagen und Wanderkessel durchbrechen. Nicht mit dem Kopf gegen die Wand sondern überall sein, uns zusammenfinden und ebenso schnell zerstreuen. Wir sind immer dort, wo die Bullen mit dem Rücken zu uns stehen. Immer außerhalb von Kesseln und Einschließungen, immer am Rande der restlichen, gleichzeitig weiterlaufenden Demonstration. Immer in Kontakt und Rufweite. Immer versucht, mehr zu werden und Eigendynamik zu entwickeln. Dieses Konzept lebt davon, dass wir mit den Freiräumen, die wir uns aneignen, auch etwas anfangen.“

In Hongkong 2019 ist die Demokratiebewegung etwas lyrischer: „Seid wie Wasser, seid formlos, seid gestaltlos. Wir können fließen, aber wir können auch etwas zerschmettern“ Oder besser: „Wir verzichten auf länger anhaltende Blockaden bestimmter Bereiche und achten darauf, dass wir uns jederzeit mühelos sammeln und wieder zerstreuen können. Damit behält die Bewegung immer ihre Dynamik.“ Die technsichen Voraussetzungen dafür sind übrigens anspruchsvoll und nicht übertragbar.

Out of Control ist also vielfältig und lebt von Eigeninitiative und Vorbereitung. Es geht darum zu verstehen, was um einen herum passiert: Vielleicht gibt es eine Rangelei, wodurch anderswo Freiräume entstehen? Ist die Demo wirklich vorbei oder geht es anderswo weiter? Da ist ein Polizeikessel? Mal sehen, wie lange noch, wenn sich alle drumrum stellen. Es gilt, immer wachsam zu sein, auch spontan um eine kritische Masse zu organisieren und die von der Polizei erstellte Statik durch eigene Dynamik aufzubrechen.

Dies haben wir beim Aktionstraining thematisiert und einige Übungen für konkreten Demosituationen durchegespielt. Insbesondere sollte die Vielfalt der Beteiligungsmöglichkeiten und Verantwortung innerhalb einer Demo sowie ein geschlossenes Demonstrieren (wer gibt die Richtung vor, wer die Geschwindigkeit) geübt werden.


2. Rein in die Offensive

Neben der Dezentralisierung wollen wir gleichzeitig mehr Geschlossenheit. In einem weiteren Training im Rahmen der Actionweek für die Liebig 34 am 7. September 2020 wollten wir konkreter werden, was dezentrale Aktionen sind. Häufig werden hier nur Andeutungen gemacht, Aufrufe verhallen in Fragezeichen, was zu weiterer Unsicherheit und Lähmung führen kann.

Das zweite Training beinhaltete Schlussfolgerungen aus der „Raus-Aus-Der-Defensive-Demo“ sowie der Syndi-Sponti am 7. August. Laut Auswertungs-Vollversammlung der Interkiezionale waren einige Dinge ausbaufähig. Zum einen das kollektive Verhalten auf der Straße, also Verantwortung für sich, für die eigene Bezugsgruppe aber eben auch für die ganze Demonstration zu übernehmen. Zudem müssen wir besser auch in hektischen Situationen zusammenhalten. Wie dies gehen kann, haben wir mittels einer Videoanalyse und einer Praxisübung gezeigt. Hierzu gehört auch, im Umgang mit der Polizei deren konkrete Ziele zu verstehen und zu konterkarieren (z.B. nicht die Zerstreuung der Demo durch Wegrennen zu unterstützen). Die Polizei will Demos kontrollieren, Menschenansammlungen bündeln, umstellen und dadurch statische Situationen erzeugen. Wie lassen sich solche Situationen aufbrechen? Das heißt nicht, der Militarisierung der Polizei ein Wettrüsten entgegenzusetzen, sondern auf Guerillataktiken zu setzen. Und: Wenn 1/3 der Demo wegrennt, müssen wir überlegen, was können diese Personen noch tun und nicht nur die Gekesselten zählen? Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die Zerstreuung?

Was (noch) tun?!

Es gab im Rahmen der Aktionstrainings einige Punkte, die immer wieder als Hemmniss aktiv zu werden oder aktiv zu bleiben auftauchten sowie explizite Wünsche nach weiteren Trainings oder Diskussionen.

Zum einen führt staatliche Repression weiterhin zu starken Unsicherheiten . Wir können dies im Rahmen unser Trainings nur unbefriedigend abdecken. Hier wäre es ggf. sinnvoll auf entsprechende Strukturen zuzutreten und Angebote zur Bewältigng der unterschiedlichen Facetten (juristische, soziale, psychologische, technische) auf die Beine zu stellen.

Zum anderen wurde sich gewünscht, eine Kommunikationsstrategie für Demos zu entwickeln, beispielsweise über Handzeichen. Hier könnten ein paar Zeichen, beispielsweise für „Aufschließen“ oder „Ketten“ oder „Achtung Polizei von rechts“ vereinbart werden (ähnlich dem Plenumshandzeichen-Satz > https://diskussionshandzeichen.wordpress.com/materialdownloads/). Insgesamt wurde sich gewünscht, mehr Struktur in die Demos zu bringen, was unserer Meinung nach nicht über Ordner*innen funktionieren kann, sondern alle beherrschen sollten.

Sinnvoll wäre zudem, regelmäßig Bezugsgruppentrainings sowie zur Entscheidungsfindung anzubieten, beispielsweise um Adhoc-Plena oder Konsenfindung zu üben.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Videoanalysen stets gut ankamen und zu wenig Raum in den Trainings hatten. Um eine weitere Beschäftigung mit den Videos zu ermöglichen, listen wir hier die Links zu den Videos auf, auf die wir uns zum Teil stützen. Achtung: Explizite Polizeigewalt ist zu sehen.

Video: Demoauflösung 1.8.
Bullen greifen nur mit wenigen an. Organisierte Reihen vorne und Hinten bleiben stabil. Die Mitte rennt sofort weg. Leute werden alleine gelassen. Den Cops geht es nicht darum, wen festzunehmen in der Situation, sondern ums Auflösen/Auseinandertreiben. (hierzu auch die Videoszene, wo Bullen nur Schubsen und Schleudern). https://twitter.com/i/status/1289813861600653312

Gleiche Szene nochmal von unten gefilmt von RUPTLY. Darin gut zu erkennen, dass die Bullen nur angerannt kommen und ein Teil der Demo sofort abhaut.
https://twitter.com/i/status/1289846957553270786

Video: Gitter Szene Synidkat Räumung 7.8.
Für die Polizei sind Gitter ebenso eine Barriere. Sie springen nicht einfach so rüber, sondern Pfeffern und versuchen Leute zu greifen.
https://twitter.com/i/status/1291754302739030016

Video: Durchbruch Ende Gelände
Relativ schmale Straße. Die Menge ist sehr langsam, gut geschützt gegen Schläge und Pfeffer. Es wird kontinuierlich gedrückt. Kommt nicht auf die Stärke der ersten Reihen an.
https://www.youtube.com/watch?v=aoykjcrsx50 (bei 1:24min)

Video: Durchbruch Blockupy
Sehr enge Stelle zwischen Autos. Aber nur die Hälfte der Personen versucht es da durch. An den Seiten kann der Rest durchschlüpfen. Mittlere Geschwindigkeit und die Kerngruppe bleibt immer zusammen, rennt nicht einfach durch und lässt auch niemanden liegen. Danach geht es für alle weiter.
https://www.youtube.com/watch?v=3oo1LMpSpuY (bei 1:20min)

Video: Durchbruchsversuch Hannover
Demo stoppt vor der Polizei. Insgesamt zu langsam, kann keinen Druck entfallten, weil auch kein Druck von hinten kommt. Kurze Zeit später kommt sehr viel Polizei. Der Überraschungseffekt ist passé.
https://www.youtube.com/watch?v=YsR8ROMnW7A (bei 1:35min)

Sowie Auswertungstexte rund um Out of Control:

Frankreich (2019) https://non.copyriot.com/unsere-sehnsuechte-sorgen-fuer-unruhe/
Dynamische Demos (2019) https://de.indymedia.org/node/29008
Out of Control Konzept (2007) https://de.indymedia.org/2007/12/202523.shtml
Bericht Out of Control Hamburg http://de.indymedia.org/2007/12/202692.shtml
Bericht Kettenkundgebung Fahrraddemo (2010) http://de.indymedia.org/2010/04/279557.shtml
Auswertungstext und Kritik (in Kommentaren) Carlo Giuliani Demo (2011) https://de.indymedia.org/2011/07/312070.shtml

Aktuelle Aktionen:

Sponti George Floyd: http://4sy6ebszykvcv2n6.onion/node/95661
Entsichern Kongress-Demo: https://entsichern.noblogs.org/demonstration/
Erdogan Tag X Sponti: https://de.indymedia.org/node/19278
Konzept Schwarzer Dezember: https://urbanresistance.noblogs.org/aktuelles/fuer-einen-schwarzen-dezember/
Interkiezionale Demo 02.11.2019 https://de.indymedia.org/node/44608
Aufruf 30.4. https://1mai.blackblogs.org/?p=854
Auswertung 1. Mai: https://1mai.blackblogs.org/?p=877
In Bewegung bleiben Aufruf 22.06.2020 https://de.indymedia.org/node/83838
FAQ zur Aktion am 2. Juni: https://1mai.blackblogs.org/
Auswertung der Syndikat Tag-X-Sponti: https://interkiezionale.noblogs.org/post/2020/09/01/auswertung-der-syndikat-tag-x-sponti/
„Raus aus der Defensive“-Demo: taktische Auswertung: https://interkiezionale.noblogs.org/post/2020/08/17/01-08-2020-raus-aus-der-defensive-demo-taktische-auswertung/

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Räumung zum Desaster machen, aber wie?

Text der Liebig34, im Original unter: https://de.indymedia.org/node/104846

Am 9. Oktober um 7 Uhr morgens werden die Cops uns versuchen zu räumen! Jetzt gilt es das Haus mit allen Mitteln zu verteidigen. Jeder Tag vor dem 09.10. ist nun TagX!
Das Haus wurde bis jetzt verteidigt und uns zu Räumen ist eine Bedrohung für die Stadt geworden. Einerseits geht es jetzt also darum weiter Druck aufzubauen und das Drohszenario zu steigern.

Druck vorher ist nicht unsere ganze Strategie. Um effektiv und kollektiv zu handeln wollen wir hier unsere Gedanken offenlegen wie wir den Räumungsversuch zu einem Desaster für die Cops, den Senat und Padovicz machen können. Dass das nicht die eine Wahrheit ist und viele verschiedene Aktionsformen Sinn machen ist klar. Dennoch wollen wir hiermit Ansätze diskutieren um gemeinsame effektive Aktionen gegen Räumungsversuche zu finden.

Sitzblockaden werden oft versucht um Räumungen zu verhindern. Doch sie erwiesen sich gegen massive Cop-Aufgebote als nicht-effektiv, vor allem wenn, wie bei der Räumung des Syndikats, die strategisch sinnvollen Blockade-Punkte in Sperrzonen liegen. Die Repressionen, die mit Sitzblockaden verbunden sind, sind recht hoch (gemeinschaftlicher Widerstand, Nötigung…) – auch wenn jegliche Repression natürlich unverhältnismäßig ist. Die direkte Konfrontation mit durchmilitarisierten Bullen können wir nicht gewinnen. Durch Überraschung können wir kurzzeitig erfolgreich sein. So sind Sitzblockaden nicht zu verwerfen. Mit dem eigenen Körper, ohne große Hilfmittel, sich zu widersetzen und die Bullen direkt zu blockieren, ist auch ein wichtiges Werkzeug. Wenn wir die Cops mit Sitzblockaden überraschen oder eine große Masse zu bilden, kann sie durchaus effektiv sein. Auch das Gefühl gegen ein Ungerechtigkeit gemeinsam die Straße zu blockieren und ein mit vielen Menschen in einem kollektiven Moment des pysischen Widerstands zu sein, ist wichtig. Wie viele von uns hatten Radikalisierungsmomente beim Anblick von Bullengewalt bei einer Räumung einer Blockade gegen Faschos?

Das Potential von zielgerichtetem Chaos ist hoch. Die hohe Dynamik von autonomen Gruppen, kann die linearen Konzepte von den ops aus den Angeln heben. Jede Barrikade zieht cops. Und wenn sie erstmal da sind, brennt schon die nächste. Außerdem treibt jeder Angriff auf das Kapital, seine Infrastruktur und seine Garanten – die cops – den Preis eines Räumungsversuches in die Höhe.

Am Tag des Räumungsversuches gibt es zwei Ziele. Einerseits müssen wir Zeit gewinnen. Denn die cops wollen immer noch den Raduga e.V. räumen, der wie mittlerweile wahrscheinlich alle wissen, nicht im Besitz der Räume ist. Da die cops das immer noch so versuchen werden, brauchen wir die Zeit damit anwältlich interveniert werden kann. Das zweite Ziel ist es gegen die Räumung politisch zu kämpfen. Sie ist in unserem Fall besonders in die Unterdrückungsformen des Kapitalismus, des Staates und des Patriarchats eingebunden. Diesen und ihrem Instrument der Zwangsräumung haben wir schon seit langem den Kampf angesagt. Wir wollen den Tag auch als Anlass nehmen den Kampf weiterzubringen, in Bewegung zu kommen und offensiv gegen Unterdrückung und Verdrängung zu kämpfen.
So bald emanzipatorische und revolutionäre Ansätze verfolgt werden, sind die Cops nicht weit weg und versuchen unsere Existenzen und unseren Widerstand zu zerstören.
So braucht es einerseits dezentrale Aktionen, die den cops Zeit rauben und damit uns Zeit geben. Infrastruktur ist hier ein guter Ansatzpunkt. Ein Räumungsversuch gegen uns wird mit viel Material und cops verbunden sein, was erstmal herangekarrt werden muss. Diese Logistik gilt es zu stören und zu zerstören.
Die Liebig34 ist Teil des anarchistischen, des queeren, des feministischen Kampfes. Diesen voranzubringen, der politischen Idee des Hauses mehr Bewegung zu geben und gegen die Unterdrückung und Verdrängung anzukämpfen ist nicht nur als Rache zu verstehen, sondern auch das Weiterleben dieser Idee. Die Ziele sind klar Patriarchat, Staat und cops, sowie Kapitalismus und seine Infrastuktur.

Für dezentrale Aktionen – in Berlin und überall!

Und wie immer: Be careful with each other, so that we can be dangerous together!

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Aktionskarte 12.9. 20 Uhr @ Wassertorplatz, Kreuzberg

Freiräume verteidigen! In der Offensive bleiben!

Kommt zur Interkiezionale Demo im Rahmen der feministischen Aktionswoche der Liebig 34!!

Wir wollen pünktlich loslaufen. Bitte tragt Mund-Nasen-Schutz und achtet auf Abstände.

One struggle – one fight!!

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Auswertung der Syndikat Tag-X-Sponti

© Oliver Feldhaus

Das Syndikat ist geräumt. Mit dieser Räumung haben wir eine Niederlage in der aktuellen Phase einbüßen müssen. Die Pläne des Syndikats am Räumungstag sich die Straße vor der Kneipe zu nehmen, wurden durch die Cops verhindert, indem sie kurzfristig eine Sperrzone darum errichteten. So nahmen die Cops Menschen die Möglichkeit, mit ihren Körpern die Räumug zu erschweren. Dass die Cops anders als 2017 bei der Räumung der Friedel54 schon 24 Stunden früher anrückten und den Kiez zum Belagerungsgebiet machten, belegt jedoch auch ihre Angst vor einer wiedergewonnenen Stärke unsererseits.

In der Interkiezionale-Versammlung am 05.08. wurde versucht auf diese Polizeistrategie zu reagieren. Ideen von Blockaden und Chaos im Kiez wurden besprochen. Die Umsetzung dieser Protestformen am Tag X blieb jedoch Bezugsgruppen selbst überlassen, da kein größerer Rahmen zur Organisierung und Orientierung gestellt wurde (wie z.B. Blockaden zentral zu koordinieren und eine „Fingerstruktur“ zu stellen wie es z.B. bei Ende Gelände passiert).

Wäre es uns anders möglich gewesen, die Räumung zu verhindern?
Mit dem Staat und den Kapitalinteressen haben wir es mit sehr mächtigen Gegnern zu tun. Bei der Räumung des Syndikats, wie bei jeder Zwangsräumung, geht es unseren Gegnern niemals nur um die eine Räumlichkeit. Während PearsGlobal sein Eigentum schützen will, um mehr Profit zu machen, schützt der Staat es, um das Prinzip von Privateigentum zu erhalten, welches im kapitalistischen System grundlegend ist. (Ver-)Mietverhältnisse sind eine Methode das Klassensystem aufrecht zu erhalten. Unser Kampf gegen Zwangsräumungen ist daher immer auch ein Kampf gegen das kapitalistische System und seine Logik von Privatbesitz und Mietenzwang als solches.

Als Interkiezionale haben wir uns als bedrohte Projekte verbunden. Nicht allein weil wir zusammen stärker sind gegen dieses Schweinesystem, sondern auch weil wir wissen, dass es in unserem Kampf nicht allein um die Räumlichkeiten der bedrohten Projekte geht. Als Interkiezionale verstehen wir uns als Teil einer Bewegung, die gegen Verdrängung und gleichzeitig für Räume einer emanzipatorischen Bewegung in Berlin kämpft. Die Räumung des Syndikats kann nicht allein für sich betrachtet werden, sondern wird von uns immer in Zusammenhang mit dem Kampf um weitere bedrohte Räume und gegen das System an sich gesehen. Auch finden wir es wichtig zu sagen, dass der Kampf nach einer Räumung nicht vorbei ist. Kollektive finden manchmal noch Jahre später neue Räumlichkeiten. Gleichzeitig können Räumungen auch die Bewegung durch Politisierung, Radikalisierung und Organisierung stärken (z.B. Liebig 14, Lausitzer 8). Die Versammlung nach der Räumung des Syndikats zeigt beispielhaft die Motivation der Unterstützer*innen nicht aufzugeben (https://syndikatbleibt.noblogs.org/post/2020/08/17/der-kiez-nach-der-raumung-wutend-schockiert-aber-es-muss-weitergehen/).

Strategie gegen Räumungen?
Wir wollen in diesem Text die Syndikat-TagX-Sponti auswerten. Vorab ist es uns wichtig zu betonen, dass die Strategie der Interkiezionale Räumungen zu verhindern aus weitaus mehr besteht als aus der Vorbereitung von TagX-Spontis. So gibt es den bestehenden Aufruf zu dezentralen Aktionen, um die Projekte sichtbarer zu machen, Unterstützung zu mobilisieren und den Preis für (angedrohte) Räumung(en) in die Höhe zu treiben. Es gab in den vergangenen Jahren etliche Aktionen in Solidarität mit den bedrohten Projekten und damit die Idee wofür sie stehen. Außerdem machen wir regelmäßig offene Versammlungen, was in Berlin seit langem keine etablierte Praxis mehr ist. Mit offenen Versammlungen wollen wir einen Ort schaffen, der Diskussionen, Austausch, Vernetzung und Vertrauensbildung dient und der eben für alle (die unsere Werte teilen) zugänglich ist. Zu guter letzt sind es Demos, mit denen wir unserer Verbundenheit Ausdruck verleihen und eine kollektive Stärke auf der Straße aufbauen.

Es bleibt unser Ziel, bevorstehende Räumungen zu verhindern. Wie oft kann der Senat es vertragen, wäre jede Zwangsräumung mit viel Protest begleitet? Können wir den Grad der Mobilisierung wie er auf der Demo am 01.08. und um die Räumung vom 06.07.08. aufrecht erhalten? Schaffen wir es vielleicht sogar noch mehr Menschen bei der nächsten (möglichen) Räumung auf die Straße zu bringen? Schaffen wir es, uns besser zu organisieren und damit noch handlungsfähiger zu werden? All diese Fragen begleiten uns, wenn wir einzelne Aktionsformen wie die letzte Tag-X-Sponti bewerten.

Warum eine Sponti?
„Sponti“ steht für „spontane Demonstration“. Im Fall des Syndikats war der Räumungstermin angekündigt, weshalb die Spontanität nur auf die Ankündigung des Ortes zutrifft. Da wir jedoch von unangekündigten und kalten Räumungen/ Räumungsversuchen ausgehen müssen, halten wir weiter an dem Begriff „Sponti“ fest. Wir haben mehrere Ziele mit den Spontis. Zunächst wollen wir eine öffentlich angekündigte Aktion anbieten damit am Tag der Räumung mindestens eine Form von offensivem Protest stattfindet, die für viele zugänglich ist. Da die bedrohten Projekte eigene Konzepte zu ihrem Tag X entwickeln, wollen wir als Interkiezionale an der Stelle ansetzen, wo ein geräumtes Projekt selbst wenig handlungsfähig ist – direkt nach der eigenen Räumung. Zusätzlich wollen wir Raum schaffen für Menschen, nach der Räumung nicht in Ohmacht zu fallen sondern zusammen zu kommen und die eigenen Gefühle auf die Straße zu tragen.

Unser taktisches Vorgehen bzgl. der Tag X-Syndikat Sponti bewerten wir als nicht gelungen. Wir werden aus dieser Niederlage lernen, weiter planen, um beim nächsten Räumungsversuch taktisch klüger der Verdrängung zu entgegnen. Es gilt grundsätzlich zu überlegen: Sind Spontis das Mittel der Wahl oder müssen wir andere Konzepte für die Tage der Räumung und die Zeit davor finden? Falls ja, wie müssen wir die Planung und die Umsetzung anpassen?

Eine sehr kurze Sponti
Die Interkiezionale mobilisierte öffentlich für eine Sponti am Tag X um 21 Uhr und auch für das Konzept, den Startpunkt öffentlich anzukündigen. Am Tag vor der Räumung wurde über diverse Kanäle (Blog, Telegram, Aktionsticker, Twitter) die Info verbreitet, dass am Tag X um 17 Uhr der Startpunkt veröffentlicht würde. Dies passierte dann mit dem Hinweis pünktlich zu erscheinen.

Um 21 Uhr hatten sich bereits mehrere hundert Leute auf dem Richardplatz gesammelt. Etwa um 21.10 Uhr gab es ein (zu leises) Startsignal. Der recht kleine erste Block war leider bereits relativ nah in Richtung Karl-Marx-Straße aufgestellt, sodass es für andere zeitlich kaum möglich schien, sich hinter dem Block zu sammeln bevor er auf die erste Polizeikette stieß (etwa in Höhe Dr.Pogo). Nach ein paar Tritten und Schlägen von den Cops gab es ein weiteres Signal mit dem Ziel in eine andere Richtung zu starten. Doch bewegte sich die Masse nun, ohne Frontblock oder Reihe in Richtung Kirchhofstraße (eventuell war eine ungeplante Vuvuzela mit verantwortlich). Auch wenn es Menschen an der Spitze schnell gelang sich in ein paar Reihen zu formieren, holten auch die Cops die Spitze nach wenigen Metern ein. Sie kamen zu Fuß, von vorne aber auch von hinten vom Richardplatz, vorbeigedrängt an der Menschenmasse. In der leicht kontrollierbaren Kirchhofstraße konnten sie relativ leicht die Spitze angreifen, ohne große Verlute davon zu tragen. Die Masse wich schnell zurück und die Demospitze war allein. Innerhalb weniger Minuten hatten die Cops zwei Kessel errichtet. Eine Person erlitt eine Platzwunde am Kopf. Auch wenn es einzelne Konfrontationen gab und einige Menschen so noch aus dem Kessel kamen, war die Situation schnell statisch. Nach einer Weile erlaubten die Cops Menschen einzeln den Kessel zu verlassen, wobei es mindestens zwei Festnahmen gab.

Auswertung
Ortswahl:
Aufgrund der starken Kiezverankerung des Syndikats wurde beschlossen die Sponti in Neukölln stattfinden zu lassen, sodass die Nachbarschaft daran teilnehmen könnte. Da Absperrungen und hohe Polizeipräsenz im Schillerkiez zu erwarten war, entschieden wir uns gegen einen Startpunkt in unmittelbarer Nähe des Syndikats. Rückblickend war der Ort ein schlechter Kompromiss zwischen Nähe und Distanz zum geräumten Projekt. Aufgrund der vorherigen Räumung und der Angst der Cops vor anschließenden Aktionen, war ihre Präsenz weiterhin sehr hoch. Das machte es ihnen leicht, schnell viele Kräfte zusammen zu ziehen. Dennoch war der Startpunkt zu weit vom Syndikat weg, um mit dieser Nähe nochmal eine deutlich emotionalere Stimmung erzeugen zu können. Beide Konzepte haben ihre Vorteile, müssen dann aber klarer verfolgt werden was uns nicht gelungen ist. Diese Erfahrung werden wir in die Diskussion um künftige Orte einfließen lassen.
Zudem ist zu sagen, dass spontan zusätzlich eine Nachbarschaftsdemo im Kiez für den Nachmittag organisiert und dabei die Spaltung zwischen „friedlicher Nachbarschaftsdemo“ und „wütender Sponti“ aufgemacht wurde. Zum einen bedauern wir dies politisch, zum anderen bzgl. des Konzepts inklusive Ortswahl, welches beides vereinen sollte.

Startpunkt:
Die Wahl fiel auf den Richardplatz, da dieser viele Zugangs und Schleichwege hat. Im Nachhinein ist klar, dass dies ein taktischer Fehler war. Als Orga haben wir unterschätzt wie einfach die Straßen von den Cops abgeriegelt werden können. Dazu kam, dass es am Richardplatz keine zu schützenden Objekte gibt, weswegen sich die Cops komplett auf die Demo konzentrieren konnten. 

Anmeldung:
Es wurde sich im Vorhinein entschieden, die Sponti weder davor, noch vor Ort anzumelden. Durchaus ist die Anmeldung einer Sponti eine Option. Dahinter steht die Diskussion, ob eins sich den Cops beugen will. Im Fall der Syndikat-Tag X-Sponti wurde sich letztendlich gegen eine Anmeldung entschieden, da im Orga-Kreis die Vorstellung, nach einer Räumung mit den Cops über eine Anmeldung zu verhandeln, als keine Option gesehen wurde. Damit wurde in Kauf genommen, dass es schon früh zu einer Eskalation kommen könnte. Hier gab es den Anspruch, stark genug zu sein, die Sponti unangemeldet durchsetzen zu können bzw. eine frühe Eskalation hin zu nehmen.
Wie zu erwarten waren die Cops vor Ort gut aufgestellt und bewiesen eine Null-Toleranz-Politik. Der Richardplatz und alle davon abgehenden Straßen waren voll mit Cops, welche fast alle außerhalb ihrer Wagen standen und engmaschig platziert waren. Deswegen konnten sie beim Start der Demo sehr schnell reagieren. Gepaart mit Schwächen auf unserer Seite vehinderte dies ein Laufen.

Auch wenn der Vorbereitungskreis flexibel auf Situationen reagieren kann, macht es nur bedingt Sinn, von einer vorher angekündigten Strategie abzuweichen. Ein Konzept wie das geplante birgt viele unbekannte Variablen und es kann im Einzelfall durchaus sinnvoll sein spontan eine Route anzumelden, wenn die Gesamtsituation vor Ort (Anzahl und Taktik der Cops, Anzahl und Stimmung der Teilnehmer*innen) ein selbstbestimmtes Durchsetzen der Demo nicht ermöglicht oder aber eine Konfrontation nicht gewollt ist. Demonstrationen sollen uns motivieren und empowern, nicht verehizen oder sich wie eine Niederlage anfühlen.

Mobilisierung: Die Interkiezionale mobilisiert seit Monaten für die Sponti mit dem Hinweis, dass der Startpunkt am Tag X veröffentlicht wird. Es wurde weit im Voraus die Entscheidung getroffen, dass wir als Interkiezionale öffentlich mobilisieren wollen, um solche Aktionen auch Menschen zugänglich zu machen, die wir anders nicht erreichen. So können mehr Menschen an der Aktion teilnehmen, vor allem auswärtige haben so einen besseren Zugang.
Im Nachhinein erhielten wir das Feedback, dass einige Menschen wegen der öffentlichen Ankündigung nicht gekommen sind. Andere Menschen kamen und wussten nicht, dass es eine unangemeldete Demo sein sollte. Dies deutet darauf hin, dass wir in unserer öffentlichen Kommunikation im Vorfeld zum Teil gescheitert sind und den Charakter zukünftiger Spontis noch klarer kommunizieren müssen. Doch sehen wir Menschen auch in der Verantwortung sich selbst zu informieren und sich frühzeitig (z.B. in unseren Vollversammlungen) in strategische Diskussionen einzubringen.
Mit der späten Veröffentlichung des Startpunkts erhoffte wir einen strategischer Vorteil gegenüber den Cops. Vier Stunden scheinen ausreichend für die Cops um sich vorzubereiten. Gleichzeitig befürchteten wir, weniger Menschen zu erreichen wäre die Verspätung zu einer späteren Stunde.
Wir denken aber, dass es möglich ist den Startpunkt viel später zu veröffentlichen und trotzdem vielen eine Teilnahme zu ermöglichen, wenn sich das Zeitfenster rein an der möglichen Anreise zum Startpunkt orientiert und alle potenziellen Teilnehmer*innen „in den Startlöchern“ stehen.
Generell war es für uns als Orga schwer einzuschätzen, wie viele Leute unserem Aufruf zur Sponti folgen würden. Wir waren von über 500 Menschen positiv überrascht. Wir hoffen, dass die Erfahrungen aus der Sponti am 07.8. nicht dazu führt, dass sich viele aus Frust oder Angst an zukünftigen Aktionen dieser Art nicht mehr beteiligen. Wir wollen in einen solidarischen Austausch treten, aus den Fehlern lernen und gemeinsam versuchen es das nächste Mal besser zu machen.

Belastungsgrenze:
Ein großer Fehler war es, unsere Strukturen bzw. die Bewegung zu überfordern. Nach der Demo am 01.08. und der Nacht ums Syndikat war eine dritte Aktion mit Bullenstress innerhalb einer Woche viel.  So war der Grad der Vorbereitung gering, die Organiserung also insgesamt zu schwach um die Demo gegenüber den Cops durchzusetzen. Hier stellt sich die Frage, ob nach einer langen Räumung eine abendliche Aktion überhaupt sinnvoll ist oder diese besser mit etwas Abstand (Tag X+1) stattfinden sollte. Gleichzeitig ist es uns wichtig, die Ohnmacht, die viele Menschen nach einer Räumung empfinden aufzufangen und eine Möglichkeit zu bieten auf die Straße zu gehen.

Anti-Repression:
Als Trostpflaster bleibt, dass die Cops wohl selber etwas abgekämpft waren und die Masse der Leute ohne Festnahmen/Personalienfeststellung abziehen konnte. Wir denken, dass trotz mindestens 10 Tatbeobachtern (zivile Cops, die in „szenetypischer Kleidung“ in der Demo mitlaufen) und Kessel, 3-5 Festnahmen eine gute Quote sind gemessen daran, dass es durchaus einige offensive Auseinandersetzungen mit den Cops gab. Doch müssen wir uns auch hier nochmal für einen wieder unterbesetzten Gesa-Support entschuldigen, der insbesondere nicht darauf vorbereitet war, dass einzelne Personen bis zum Mittag des nächsten Tages festgehalten wurden. Auch wenn es müßig ist, macht es einen Unterschied wie viele Leute eine*n vor der Gesa abholen. Das ist ausbaufähig.
Falls ihr Repression erfahren habt oder für anfallende Repressionskosten spenden wollt, meldet euch beim Syndikat: https://syndikatbleibt.noblogs.org/post/2020/08/12/wir-lassen-niemanden-alleine-we-dont-leave-anyone-alone/

Kollektives Verhalten auf der Demo:
Insgesamt sehen wir den Grad an Organisierung und Motivation auch um den Tag X herum als positiv, gemessen daran, dass in Berlin viele Menschen häufig unorganisert und unvorbereitet auf Demonstrationen gehen. Wir haben wahrgenommen, dass Menschen organisert und vorbereitet waren, was uns freut. Ohne unsere Verantwortung als Orga-Struktur abzuweisen, sondern viel eher auch um in dem kollektiven Verhalten Probleme des Konzeptes zu suchen, wollen wir trotzdem auf Dynamiken unter den Teilnehmer*innen eingehen:
Wir müssen davon ausgehen, dass es vielleicht wieder überwiegend panisches Verhalten war, was dazu führte, dass die Masse ohne Reihen oder ähnliches anfing sich in die Kirchhofstraße zu bewegen. Wegrennen vor den Cops charakterisierte größtenteils die Bewegung der Menschen an dem Abend.
Der
gekesselte erste Block und seine Durchbruchsversuche wurden wenig unterstützt. Dabei ist die Einschätzung des Frontblocks, dass ein Durchkommen durchaus möglich gewesen wäre mit einem entschlossenen Block und einer solidarischen Masse dahinter. Stattdessen ließen sich viele Menschen schnell zurück fallen und überließen die ersten Reihen sich selbst bzw. den Cops. Die Distanz von der größeren Menschenmenge zum Kessel wurde schnell groß. Leute rannten weg, als Cops den Kessel zogen und dabei Menschen auf ihrem Weg verprügelten. Es wurde den Cops so sehr einfach gemacht, Reihen zu ziehen und Kessel zu bilden.
Die Lücke zwischen Kessel und Masse am Richardplatz wurde trotz der irgendwann eher statischen Lage auf dem Richardplatz nicht versucht zu schließen. Genauso wenig nutzten Menschen außerhalb des Kessels ihre Position, um die Cops zu bepöbeln, sie so zu verunsichern und ggf. sogar dazu zu bewegen, den Kessel auflösen zu müssen. Dieses Nicht-Handeln sehen wir im Zusammenhang mit Unerfahrenheit aber auch einer geringen Verantwortungsübernahme von Gruppen auf Aktionen. Wir würden uns wünschen, dass ein verantwortungsbewusstes und solidarisches Handeln selbstverständlich ist.
Natürlich verstehen wir die Angst vor gewalttätigen Übergriffen durch Cops und es ist Quatsch sich unnötig verprügeln und pfeffern zu lassen. Dennoch denken wir, dass wir mehr Selbstvertrauen haben sollten und uns mehr Handlungsoptionen (wieder) aneignen sollten. Schon die Demo am 01.08. hat leider gezeigt, dass Cops oft nicht einmal direkte Gewalt anwenden müssen, um eine Menge zu zersprengen, sondern das schon wenige, rennende Cops ausreichen, um Panik zu verbreiten. Gleichzeitig hat bspw. die nächtliche Blockade der Hermannstraße während der Syndikatsräumung gezeigt, dass ein entschlossenes und kollektives Vorgehen möglich ist und die Taktik der Cops durch Panikmache die Kontrolle zurück zu erlangen effektiv verhindert werden kann. Wir, als Orga-Struktur wollen nach mehr Kollektivität und Solidarität auf Massenaktionen streben, um uns selbst und andere besser zu schützen und flexibel und handlungsfähig zu sein.

Fazit
Die Sponti nach der Syndikat-Räumung war ein Versuch mehr Handlungsmöglichkeiten, abseits von längerfristig im Vorfeld angemeldeten Demos und klandestin organisierten Spontis, zu erlangen. Auch wenn es einige positive Momente im Umfeld der Sponti gab, müssen wir unterm Strich feststellen, dass es uns an diesem Abend nicht gelungen ist, den offensiven und selbstbestimmten Ausdruck zu ermöglichen, den wir als Orga-Kreis angestrebt haben. Dennoch wollen wir das Konzept nicht nach der ersten, überwiegend negativen Erfahrung einstampfen, sondern aus den Fehlern lernen und bestenfalls einen Diskurs mit euch allen darüber führen, wie das Konzept weiter entwickelt werden kann. Für die kommenden TagXSpontis streben wir ein jeweils angepasstes Konzept an. Es ist wichtig zu bedenken, dass sowohl für die Meuterei als auch für die Liebig 34 eine kalte Räumung durchaus stattfinden kann. Hier wären die Bedingungen anders als beim Syndikat – wir hätten wenig Zeit zur Vorbereitung, aber die Cops hätten auch wenig Zeit, da kalte Räumungen teils nur mit privaten Sicherheitskräften stattfinden.

In die Überlegungen zur Sponti fließen viele Faktoren mit ein, zu denen auch einge Faktoren gehören, welche wir nicht vorhersehen können: wie viele Leute kommen? Wie gut organisert sind die Menschen, die kommen? Sind die Menschen vorbereitet auf eine Konfrontation oder möchten sie diese tunlichst vermeiden? Ist es Menschen wichtiger zu laufen, oder eine Null-Verhandlungs-Politik mit den Cops zu fahren?

Wir werden die Tag X Spontandemonstration weiterhin am Tag X (ggf. +1) um 21 Uhr stattfinden lassen. Wir werden die Sponti weiterhin öffentlich bewerben und auch den Startpunkt öffentlich machen. Wir werden uns vorbehalten, die Spontandemonstration vor Ort anzumelden. 

Wir wollen nicht, dass Menschen sich nicht trauen zu kommen bzw. sich verheizt vorkommen, indem wir sie unreflektiert zur nächsten Konfrontation mit den Cops einladen. Unser Ziel ist es, an einem Tag, an dem die Cops unsere Freund*innen aus ihren Räumen prügeln, uns die Straße zu nehmen und auf verschiedene Art und Weise offensiv zu sein. Jedoch bemisst sich diese Offensivität unserer Meinung nach nicht allein daran, ob eine Demonstration angemeldet ist oder nicht. Wir wollen einen kollektiv positiven Moment schaffen und uns in unserer Offensivität wohl fühlen bzw. daran arbeiten das zu erreichen. Wir denken, dass es eine hohe Erwartung an uns alle ist, dass der erste Schritt auf der Straße ist, sich gegen die Cops durchzusetzten um protestieren zu können. Wir wollen diese Taktik nicht ohne weitere Absprachen in Vollversammlungen forsetzten. 

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01.08.2020 „Raus aus der Defensive“-Demo: taktische Auswertung

© Oliver Feldhaus

Als Interkiezionale-Bündnis veröffentlichen wir mit diesem Text eine erste Auswertung der Demo am 01.08.2020. Diese beschränkt sich auf die Taktik einer offensiven Demokultur in Berlin. Dies bedeutet nicht, dass Taktik das einzige ist, woran sich der Erfolg einer Demo messen lässt, noch, dass allein offensive Demos unsere Strategie darstellen. Wir wollen die angeschnittenen Themen mit euch weiter reflektieren und diskutieren, um unsere Strategien weiterzuentwickeln und die Bewegung zu stärken.
Die Auswertung fand vor der Räumung des Syndikats statt und wird darauf nicht Bezug nehmen. Eine Auswertung der Geschehnisse nach dem 01.08. folgt in einem separaten Text in den kommenden Tagen.

Als Organisator*innen der »Raus aus der Defensive« Demo vom 01. 08.2020 sehen wir die Demo und die Spontandemonstration am Abend als einen Erfolg. Die Erwartungen waren hoch angesetzt mit einem offensiven Slogan. Wir haben gemeinsam das Motto umgesetzt, sind „raus aus der Defensive“ gekommen und haben einen kraftvollen, kollektiven Schritt gegen zukünftige Räumungsversuche unternommen. Wir hoffen, dass dieser Tag mobilisierend auf die kommenden Wochen, Demos und Aktionen wirkt.
Auch wenn in Berlin viele Menschen politisch aktiv sind, meinen wir, dass es an kollektiven widerständigen Momenten fehlt. Gemeinsam mit den offensiven Momenten der letzten Zeit haben wir am 01.08. mit dem Bild von einem passiven Berlin gebrochen: z.B. die Interkiezionale Demo am 02.11.2019, die etlichen Besetzungen, die George-Floyd-Sponti, die Sponti in Friedrichshain für die Liebig34 & Rigaer94 und nun diese Demo zeigen, dass wir kollektiv militant sein können. Momente, in denen wir unsere Kämpfe kollektivieren sind Momente, in denen wir tatsächlich gefährlich für den Staat und das Kapital werden. Es sind Momente wie die am 01.08., die uns zeigen, dass unsere Stärke darin liegt, gemeinsam zu kämpfen. Lasst uns daher aus unseren Fehlern lernen und uns von unserem Potential ermutigen.

Was ist passiert?
Am 01.08. fand unter dem Motto „Raus aus der Defensive“ eine Demonstration in Berlin-Neukölln in Solidarität mit bedrohten Projekten statt. Etwa 2500 Menschen sammelten sich am Startpunkt. Nach Redebeiträgen und der Ankündigung, sich im Falle der Auflösung um 23 Uhr im Prenzlauer Berg wiederzutreffen, startete die Demo zügig um 20:20 Uhr vom Herrfurthplatz. Von Beginn an hatte die Demo einen kraftvollen Charakter.
Die Demo formierte sich schnell. An der Ecke Weisestr-/ Herrfurthstr. gab es einen Bannerdrop und eine Pyroshow. Mit einem schnellen Rhythmus, lauten Parolen, Pyro und Rauchschwaden bewegte sich die Demo Richtung Hermannstraße. Trotz der sichtbaren Polizeipräsenz kreierte die Demo eine Atmosphäre von Solidarität und Entschlossenheit.
Links abbiegend auf die Mainzerstraße, wo die Cops das Jobcenter schützten, fand eine erste Konfrontation statt. Menschen ließen es sich nicht nehmen, das Gebäude und die Cops anzugehen. Menschen zündeten weiterhin Pyro und riefen Parolen, viele hatten Transpis und Schirme dabei, um die Demo vor Angriffen zu schützen.
An der Ecke Hermann-/Flughafenstr. wurde dann ein neuer Luxusbau mit Farbbeutel beschmissen.  Während der Frontblock die Flughafenstraße runter lief, griffen die Cops die Demomitte an. Größtenteils ungeschützt durch fehlende Seitentranspis ließ sich die Demo in zwei Teile teilen. Menschen drängten sich an die Seiten der Kreuzung und der zuvor kompakte Demozug löste sich auf. Einige Menschen verteidigten sich gegen die Angriffe der Cops und versuchten trotz Pfeffer die Demo Masse wieder zu strukturieren, Schutz mit Transpis und Schirmen aufrechtzuerhalten und ein Weiterlaufen zu ermöglichen, was ihnen nicht gelang. Die Cops trieben Menschen mehr und mehr in Richtung Hermannstraße und Columbiadamm. Während einige in Panik gerieten und weg rannten, nutzten andere das entstandene Chaos für weitere Aktionen. Da sich der größte Teil der Demo nun Richtung Columbiadamm bewegte, löste sich die Demo mehr und mehr auf.
Von dort lief die größte Masse in Richtung Schillerkiez. Während sich einige treiben ließen, versuchten andere, Barrikaden zu bauen, um sich die Straße zurück zu nehmen. Durch den Kiez laufend gelang die Masse zurück auf die Hermannstraße, wo das Büro der SPD mit Steinen attackiert wurde. Mit steigender Polizeipräsenz und einem Helikopter nun über Neukölln schwirrend löste sich die Masse auf und verschwand in den umliegenden Kiezen. Die Verabredung sich um 23 Uhr im Prenzlauer Berg zu treffen, rückte ohnehin immer näher.

Reflektion 
a) Demo-Struktur & -Orga
Wir müssen selbstkritisch zugeben, dass wir unser Vorhaben pünktlich loszugehen, im Vorhinein nicht kommmuniziert haben. Da wir es gewöhnt sind, dass Demos mit großer Verspätung losgehen, waren viele davon überrascht oder kamen zu spät. Generell halten wir es für sinnvoll, nicht zu spät los zu gehen, da langes Warten eine träge Stimmung erzeugen kann. 
Zudem gab es übliche Kommunikationsprobleme, da die Megaphone bei weitem nicht laut genug waren, um alle in der Demo zu erreichen. Nichtdestotrotz halten wir Megaphone für eine bessere Wahl als einen Lautsprecherwagen. Die Megaphone ermöglichen eine mobile Kommunikationsstruktur – eine Heransgehensweise die in anderen Kontexten (wie Ende Gelände) längst etabliert ist und die wir auch im städtischen Raum ausbauen sollten.

Bezüglich der Demogeschwindigkeit war es ein Problem, dass die Demo über die gesamte Route sehr schnell war. Einerseits ließ der schnelle Start den Cops keine Gelegenheit die Demo gut zu kontrollieren, andererseits hatten es Menschen schwer Schritt zu halten. Dies führte zu Lücken in die Demo mit der Konsequenz, dass Menschen weniger geschützt waren oder weniger Schutz bieten konnten als eine strukturierte Demo. Auch ließ das Tempo wenig Zeit für andere Sachen (Schluck Wasser trinken, Schuh zubinden, etc…).
Stattdessen hätte die Demo mit mehr Selbstsicherheit und weniger Hektik agieren können. Es wäre möglich gewesen im Schillerkiez langsam zu starten, Geschwindigkeit aufzunehmen (z.B. nach den ersten Angriffen) und auch langsamer zu werden wenn Lücken zu schließen sind. Es sollte nicht allein die Demorga sein, die das Tempo bestimmt indem durch Melder*innen auf der Demo und interner Struktur Lücken gemeldet werden. Auch beim Tempo kann, wie es aus anderen Kontexten und Ländern bekannt ist, auf Handzeichen zurückgegriffen werden, die alle kennen. So ist unser agieren anti-hierarchischer und Verantwortung mehr verteilt.

Zum ersten Ziel auf der Route wurde das JobCenter, welches am Anfang der Route liegt. So startete die Eskalation sehr früh. Im Nachhinein denken wir, dass es durch eine frühe Eskalation keine Möglichkeit gab, das Eskalationslevel langsam zu steigern was potentiell mehr Menschen hätte einbinden können. Es hätte von vorneherein eine andere Route angesetzt werden können.

Die Teile der Route hielten unterschiedlich viel Potential, um unsere inhaltliche Kritik an Orten der kapitalistischen und staatlichen Unterdrückung zu äußern. Unglücklicherweise liefen Menschen nach der Auflösung in Richtungen, die taktisch ungeeignet waren (Columbiadamm/ Schillerkiez). Während der Schillerkiez wie eine große Sackgasse aufgebaut ist, besteht er auch überwiegend aus Wohnhäusern. Auch der Columbiadamm ist eine lange gerade und leere Straße. Es ist durchaus möglich, dass die Cops bereits mit der Auflösung versuchten, die Masse davon abzuhalten, sich in bestimmte Richtungen zu bewegen. So oder so, gelang es der Struktur nicht, die Demo in Richtung der geplanten Route zu lenken. Hier braucht es vielleicht weiterführende Diskussion über das Out-of-Control Konzept, denn Out-of-Control sollte nicht heißen, planlos zu agieren.

Insgesamt wissen wir von 7 Festnahmen auf der Demo. Im Umfeld der Spontandemonstration in Prenzlauer Berg hörten wir von mindestens 12 Personenkontrollen und 3 Festnahmen. Alle Festgenommenen (von denen wir wissen) waren am nächsten Morgen wieder aus der Gesa. Schön ist, dass einige Festnahmen aufgrund des Kontrollverlusts der Polizei abgebrochen werden mussten oder nicht durchgeführt werden konnten. Für das Level an Eskalation gab es unserer Meinung nach wenige Festnahmen. Das verdeutlicht mal wieder, dass die Anzahl an Festnahmen häufig geringer ist auf offensiven Demos. Hier zeigt sich ein erster Kontrollverlust der Polizei.
Wir entschuldigen uns dafür, dass einige Menschen alleine waren als sie aus der GeSa kamen. Die Verantwortung für den fehlenden Gefangenen-Support liegt nicht beim EA Berlin, sondern bei uns, den Organisator*innen der Demo.

b) Allgemeine Demokultur
Durch unsere Reaktionen auf der Demo wurde deutlich, dass wir Angst vor den Cops verinnerlicht haben. Ein Beispiel ist, dass sich Menschen an der Ecke Flughafen/ Hermannstraße an die Seiten drängten obwohl zu Anfang nicht viele Cops da waren. Das hatte zur Folge, dass organisierte Reihen alleine da standen und Menschen die das Luxusloft angriffen ungeschützt auf der Kreuzung standen.  Wir hatten den Eindruck, dass viele Menschen panisch wurden und einige Menschen noch mehr Panik erzeugten in dem sie riefen, dass Menschen rennen sollten. Die meisten folgten dieser Dynamik und ließen sich von den Cops jagen. Wir können nicht bewerten, ob es in diesem Moment notwendig war zu rennen, aber wollen unsere allgemeine Angst vor Cops in Frage stellen. Wir meinen, dass die Bewegung sich mehr Selbstbewusstein im Umgang mit Cops aneignen muss, um sie zum Beispiel in organisierten Reihen zu blockieren und Angriffen wie denen am 01.08. nicht wehrlos ausgesetzt zu sein.
Die Cops haben sich weder schlau verhalten noch waren sie zu Beginn viele. Obwohl es Momente gab, in denen wir ihnen zahlenmäßig weit überlegen waren, ließen sich viele Menschen von Gerenne und wild umherfahrenden Wannen wegjagen. Hier könnten wir lernen,  Ruhe zu bewahren. Wir denken, dass es sinnvoll ist, als Einzelpersonen zu lernen, in Stressmomenten wie solchen einen Blick für das Ganze/ Andere und nicht allein für sich selbst zu haben. Wir sollten unser kollektives Handeln weiter trainieren (Aktionstrainings) da wir Demos als gute Möglichkeit sehen, unsere Wut gemeinsam auszurdücken.

c) Prenzlauer Berg Sponti (Plan B)
Während der Demo in Neuköllen wurde angesagt, dass wir uns um 23 Uhr im Prenzlauer Berg treffen, für den Fall, dass wir in Neukölln nicht so laufen können wie wir es wollen. Die Ortswahl war nicht zufällig. Der gewählte Kiez ist einer der meist gentrifizierten Gebiete Berlins und beherbergt viele Immobilienbüros, Luxubauten und überteuerte Geschäfte.
Die Sponti vom Kollwitzplatz zum Senefelderplatz hinterließ einige zerstörte Scheiben. Doch war die eingeschlagene Route nicht ideal. Auch hier war eine andere Route geplant. Aufgrund der Situation am Kollwitzplatz nach dem Auftauchen zweier Wannen und einer Zivikarre, versuchte sich jedoch die Masse aufzulösen bewegte sich kollektiv in eine ungeplante Richtung. Schlussendlich wurde aus diesem Auflösungsversuch der Start der Sponti. Am Senefelderplatz fuhren zwei weitere Wannen an und Bullen sprangen heraus was zur Auflösung führte.

Für die Zukunft möchten wir gerne an der Idee des Plan B weiterarbeiten, da wir selbstbestimmt protestieren wollen. Ein Plan B kann entweder als Drohung an die Cops wirken um uns laufen zu lassen oder aber sicherstellen, dass es mindestens bei einem Plan B zu widerständigen kollektiven Momenten auf der Straße kommt.

Ein wichtiger Punkt in unserer bisherigen Reflektion war die unzureichende Kommunikation darüber wann und ob Plan B (die Sponti) stattfinden würde. Öffentliche Kommunikation in solch einer Situation ist generell kompliziert und bringt uns stets in die Zwickmühle zwischen großen Aktionen die nicht ausschließend sind und in denen wir gemeinsam stark sein können und der durch die Aufmerksamkeit erhöhten Polizeipräsenz. Uns ist es wichtig, Aktionen zu planen, die öffentlich angeworben werden können, damit mehr Menschen daran teilnehmen können und es einfacher ist zu Aktionen dazu zu stoßen, auch weil eins sich vorher schon mit der Gegend oder der Route vertraut machen kann. Gleichzeitig ist die erhöhte Coppräsenz durch öffentliche Mobilisierung eine Hürde. Das Konzept, dass am 01.08. gefahren wurde, sollte einen Mittelweg gehen in dem nur ein Stadtteil, aber nicht der genaue Treffpunkt, öffentlich kommuniziert wurde. Die Diskussion über die Mobilisierung zu spontanen, unangemeldeten Demos (Spontis) wird in unserer Auswertung zur Syndikat-Tag X- Sponti fortgeführt.

Auch mussten wir feststellen, dass Plan B offensichtlich nicht als Androhung wirkte, um die Cops davon abzuhalten uns anzugreifen und die Demo zu zerschlagen. Es war trotzdem wichtig, dass wir unserer Androhung einer späteren Sponti nachkamen. Falls wir an dem Bedrohungspotenzial festhalten wollen, sollten wir Androhungen in Zukunft früher, lauter und direkter an die Verantwortlichen gerichtet formulieren. 

Der letzte Punkt auf den wir eingehen wollen bezüglich Plan B ist, dass wir uns trotz Polizeipräsenz zu einer Sponti formierten und liefen. Wir denken, dass das ein wichtiger Schritt für uns war. Es ist schade, dass die Demoroute darunter litt, dass wir zu Anfang von den Cops weg liefen. Wir wollen Menschen natürlich die Angst vor Repression nicht absprechen, doch meinen wir im allgemeinen, dass wir in den richtigen Momenten keine Angst vor Cops haben müssen. Deswegen glauben wir, dass wir uns aktuell wirklich in die Offensive bewegen. Die Sponti war ein weiterer Schritt um Angst und Ohmacht hinter uns zu lassen. Wir wollen noch mehr kollektive Aktionen, mehr Selbstbewusstsein, mehr Missachtung und mehr Wut gegen das System im allgemeinen und die prügelwütigen Cops im speziellen. Wir freuen uns über einen Austausch zu einer Demokultur, in der sich unsere gemeinsame Stärke entfalten kann.

Vorschau
Mit der kraftvollen Demo sowie der wütenden Sponti als Reaktion sind wir auf einem guten Weg in die Offensive zu kommen. Wie wir bereits am Anfang sagten, sind die Punkte in diesem Text erste Ideen die wir gerne mit euch weiter diskutieren würden. Wir freuen uns über digitales Feedback aber wollen in der Zukunft auch andere Räume für Austausch schaffen. Wir wollen weiter an unserer Strategie feilen und uns an größeren Diskussionen bezüglich Organisierung von kraftvollen Demos und Demokultur beteiligen.

Die Demo war ein starkes Signal und wir wollen alle Räumungsversuche zu einem Desaster machen. Im Falle von Räumungen wollen wir mit Demos und Spontis den Preis in die Höhe treiben. Neben den Aktionen zu Tag X wird es in der Woche vom 7.-13. September eine feministische Aktionswoche geben, in der auch eine weitere Interkiezionale Demo stattfindet

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Berlin: ACTIONWEEK FOR LIEBIG34 – 07.09. – 13.09.20

Liebig 34 is being threatend by eviction. When state, cops and the owner want to evict, they will only have a desaster on their hands.
As an anarcha-queer-feminist selforganized house-project without cis-men, directly at the square „Dorfplatz“ in Friedrichshain, Liebig 34 is a place where resistive actions and collective moments are decided and organized. A place where self-organization becomes a dangerous word, where a project is becoming a starting point of struggles and not just a space of self-reference and alternative entertainment. The project itself has taken part in the planning of many of demonstrations, published numerous calls and texts and carried out various radical actions. But it is also a symbol of radicalization and empowerment for the antagonistic scene in Berlin and in Germany, as it shows how to fight various forms of resistance.
Liebig34 consists of a collective which is working with a focus to overcome more and more internalized structures of capitalism and patriarchy. In a world where patriarchy makes up one of the main pillars of the capitalist system, militant feminist groups and collectives, which make clear that the resistance and the fighting back is not a cis-men privilege, are more than necessary. In a patriarchal world, in which patriarchy and capitalism are intervoven, it is more than necessary to actually fight patrairchy and not have it be a sidenote in a text. Let us not be divided by oppression and let’s fight together in this for a liberated society.

Join the fight and defend Liebig34!

Feminist action week 07-13.09.20

More information coming as soon as possible. check: https://defendliebig34.noblogs.org/

Autonomous Groups for Liebig34

see: https://www.youtube.com/watch?v=1YeFDF7vews

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Soli-Foto von Freund*innen

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+++ Syndikat Tag X Sponti: Richardplatz 21 Uhr! +++

Wir rufen heute zu einer kraftvollen Sponti in Solidarität mit dem Syndikat auf, welches heute morgen geräumt wurde!

Wir starten pünktlich um 21 Uhr am Richardplatz. Achtet auf Geräusche & Licht als Startsignal. Kommt vorbereitet: Maske & Handschuhe um euch und andere zu schützen. Transpis, Schirme und mehr ist immer gut. Der EA ist erreichbar unter: 030/6922222 bis spät in die Nacht/morgen früh, Gesa-Support ist gestellt.

Sollten wir nicht laufen können, werdet andersweitig mit euren Gruppen aktiv.

Nehmen wir uns die Straße, für das Syndikat & alle anderen räumungsbedrohten Projekte. Gegen die Stadt der Reichen!

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+++EIL +++ Cops verbieten Lange Nacht der Weisestraße

Straße vor dem Syndikat soll ab morgen Mittag zur abgesperrten Polizeizone werden +++ Nachdem die Versammlungsbehörde mehrere Tage nicht erreichbar war, wissen wir nun was die Strategie der Cops ist.

Die angemeldete Kundgebung zur „Langen Nacht der Weisestraße“, direkt vor dem Syndikat, soll nah an die Kreuzung Selchower- / Weisestraße verlegt werden. Angekündigt wurde eine totale Absperrung der Straße ab morgen Mittag. (!!)

Das werden wir so nicht hinnehmen. Sobald wir den schriftlichen Auflagenbescheid haben, werden wir dagegen in einem Eilverfahren klagen. Verbreitet die Info & haltet euch auf dem Laufenden.

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